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04.06.2009

Bologna: „Radikaler Kurswechsel“

Leuven und Nürnberg, 28. April 2009: Während sich in der flämischen Brauereistadt die Bildungsminister der 46 Unterzeichnerstaaten der Bologna-Erklärung zur 5. Bologna-Folgekonferenz versammelten, verabschiedeten die 432 Delegierten des 26. Gewerkschaftstages der GEW in der fränkischen Metropole einen „Appell“ nach Leuven. Sie forderten mehr „Chancengleichheit im Europäischen Hochschulraum“ und einen „radikalen Kurswechsel im Bologna-Prozess“.
Zukunft des Europäischen Hochschulraums nach Leuven und Nürnberg

Im Vorfeld der Leuven-Konferenz hatte es kräftig im Gebälk des Bologna-Prozesses gekracht. Die europäische Bologna-Follow-Up-Group, das wichtigste Steuerungsgremium zwischen den Ministerkonferenzen, hatte ein Papier erarbeitet, das auf eine umfassende Erweiterung des 1999 in Gang gesetzten „Bologna-Prozesses“ abzielte. Hatte sich dieser bisher auf Fragen der Studienreform (Bachelor- und Master-Studiengänge), der Förderung der Mobilität und der Qualitätssicherung konzentriert, solltenun dessen Agenda für die nächste Dekade 2010 bis 2020 um neue Handlungsfelder ergänzt werden: Die Etablierung eines europäischen Hochschul-Rankings, die Förderung von Spitzenunis nach dem Vorbild der deutschen Exzellenzinitiative, die Ausweitung des privaten Anteils an der Hochschulfinanzierung einschließlich Studiengebühren – kaum ein Reizwort, das die Autoren des zum „Nicht-Papier“ deklarierten ersten Entwurfs für „Bologna nach 2010“ ausgelassen hätten.

Kritik an neuen Zielen

Massive Kritik kam nicht nur erwartungsgemäß von der europäischen Studierendenvertretung ESU und der Bildungsinternationale (BI), dem Dachverband der Bildungsgewerkschaften, die beide in der Bologna-Follow-Up-Group vertreten sind. Auch viele Hochschulleitungen, die prinzipiell gar nichts gegen Rankings, Exzellenz und Studiengebühren einzuwenden haben, gaben zu bedenken, dass der Bologna-Prozess mit neuen Zielen überfrachtet werden könnte, bevor die alten erreicht seien.
Der Protest blieb nicht wirkungslos. Aus dem „Nicht-Papier“ wurde für die Leuven-Konferenz ein „Hintergrund-Papier“, das von den Ministerinnen und Ministern zwar – in einer deutlich entschärften Fassung – als Bericht zur Kenntnis genommen, aber nicht verabschiedet wurde. Verabschiedet hat man stattdessen das Leuven-Kommunikee „Der Bologna-Prozess 2010 – der europäische Hochschulraum im neuen Jahrzehnt“.
Für die bevorstehende Debatte, wie der Bologna-Prozess in Europa fortgeführt werden soll, ist das Kommunikee ein wichtiger Bezugspunkt. Es betont sehr deutlich die öffentliche Verantwortung für das Hochschulwesen, was ausdrücklich höchste Priorität für öffentliche Investitionen in Bildung und Wissenschaft einschließt. Und es unterstreicht die Bedeutung der sozialen Dimension des europäischen Hochschulraums und verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, Chancengleichheit beim Hochschulzugang und im Studium durchzusetzen. Erstmals werden attraktivere Karrierewege und Arbeitsbedingungen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefordert – Wasser auf die Mühlen des Engagements der Bildungsgewerkschaft, die hoffnungslos anachronistische Personalstruktur an deutschen Hochschulen endlich aufzubrechen. Das Kommunikee bekennt sich zur Mitbestimmung von Studierenden und Beschäftigten und benennt stets in einem Atemzug mit den Arbeitgebern die Beschäftigten als zentrale Akteure des Bologna-Prozesses.

Weichen stellen

All das war bisher nicht selbstverständlich. Wird es das zukünftig mehr sein, weil es im Leuven-Kommunikee steht? Nein, denn die Weichen für die Ausgestaltung des Bologna-Prozesses 2010 bis 2020 werden endgültig erst bei der nächsten Ministerkonferenz gestellt, die im März 2010 in Wien und Budapest stattfinden soll. Das „Nicht-Papier bleibt zwar weiterhin im „Hintergrund“, ist aber nicht in der Schublade verschwunden. In den kommenden zehn Monaten bis zur Wien/Budapest-Konferenz werden die Karten vermutlich neu gemischt. Die europäischen Bildungsgewerkschaften sind jetzt gefragt, sich für ihre Forderungen stark zu machen. Die positiven Aussagen im Leuven-Kommunikee sind dafür Rückenwind – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Hinzu kommt: Viele der Ziele, die man schon 1999 in Bologna vereinbart hatte, sind bis heute noch nicht erreicht. In seinem Appell an die Leuven-Konferenz zog der Gewerkschaftstag der GEW eine kritische Bilanz: „Von einem Europäischen Hochschulraum, der auf der Förderung der Internationalisierung von Forschung, Lehre und Studium, der Erleichterung der grenzüberschreitenden Mobilität von Studierenden und Hochschulbeschäftigten sowie der Verbesserung der Qualität von Lehre und Studium beruht, sind wir noch weit entfernt.“

Bologna-Frust

Vor allem in Deutschland ist der Stand des Bologna-Prozesses besonders unbefriedigend. Statt die Mobilität der Studierenden zu erhöhen und die Studienbedingungen zu verbessern, erschweren die neuen Bachelor- und Master-Strukturen den Ortswechsel und steigern in vielen Fächern die Abbrecherquoten. Eine falsch verstandene Modularisierung der Studiengänge führt zudem zur Verschulung des Studiums sowie zur Verdichtung der Curricula und Stundenpläne. Statt die Betreuung der Studierenden zu verbessern, sorgt die Studienstrukturreform bei einer stagnierenden Ausstattung der Hochschulen für eine höhere Arbeitsbelastung – sowohl für die in Lehre und Verwaltung tätigen Kolleginnen und Kollegen als auch für die Studierenden. Das alles hat zu einem Bologna-Frust geführt, der sich in den vergangenen Monaten zu Recht Gehör verschaffte. Die GEW wird sich an die Spitze der Bewegung der Bologna-Frustrierten stellen, aber vor unheiligen Allianzen hüten.

Richtungsstreit

In der hochschulpolitischen Auseinandersetzung um Bologna dominieren zwei Richtungen. Während die eine Seite die bestehenden Probleme zu kaschieren versucht und auf Biegen und Brechen die Reform durchsetzen möchte, will die andere Seite Bologna ganz zu Fall bringen. Vor allem der Deutsche Hochschulverband (DHV), die Standesorganisation der Universitätsprofessoren, und der erzkonservative Bund Freiheit der Wissenschaft haben sich entsprechend hervor getan. Sie möchten das Rad der Geschichte aber nicht nur vor 1999, sondern noch lieber vor 1968 zurückdrehen und die alte Ordinarienuniversität wiederbeleben. Also in eine Zeit zurückkehren, in der sich ein Professor nicht darum kümmerte, was von seiner Vorlesung bei den „Hörern“ ankam und die Söhne (und wenigen Töchter) aus bürgerlichen Häusern an den Unis weitgehend unter sich blieben.

Differenzierte Position

Auf ihrem Gewerkschaftstag hat sich die GEW für eine differenzierte Position entschieden. Auf der einen Seite verdienen viele Zielsetzungen der Bologna-Erklärung Unterstützung – so hat Bologna mit dazu beigetragen, dass Studium und Lehre wieder in den Mittelpunkt der hochschulpolitischen Debatten gerückt sind. Andererseits läuft vieles schief – deshalb fordert die GEW einen „radikalen Kurswechsel“: Chancengleichheit beim Hochschulzugang und im Studium, uneingeschränkte Durchlässigkeit beim Übergang ins Masterstudium, Sicherung von Studierbarkeit und Studierfreiheit, Entschleunigung des Bologna-Prozesses („Qualität geht vor Tempo!“), Anerkennung der Promotionsphase als erste Phase wissenschaftlicher Berufstätigkeit, Berufsbefähigung in einem umfassenden Sinne statt „employability“ – um nur einige Punkte herauszugreifen.
Und: Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts. Die Studienreform ist zum Scheitern verurteilt, wenn sich die Betreuung der Studierenden nicht deutlich verbessert. Ein gutes Studium und eine gute Ausstattung der Hochschulen – mit zu fairen Bedingungen beschäftigten Lehrenden und Forschenden – sind zwei Seiten einer Medaille!

Andreas Keller,
Leiter des GEW-Organisationsbereichs Hochschule und Forschung

(E&W 6/2009)

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