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02.02.2010

Bildungsgroßbaustelle: Reformen jagen sich – doch Besserung ist an den Hochschulen kaum in Sicht

Von der „Bildungsrepublik Deutschland“ schwärmten im vergangenen Jahr die CDU-Politikerinnen Kanzlerin Angela Merkel und Bundesbildungsministerin Annette Schavan – doch in Wirklichkeit wäre „Baustellenrepublik Deutschland“ die passendere Bezeichnung – zumindest für die Hochschulmisere. Ein Rundgang durch die Baustellen der Hochschullandschaft.

So hatte sich Simone Bartsch den Bologna-Prozess nicht vorgestellt: Für ein Auslandssemester in England hatte die Aachener Ma­thematikstudentin vorab müh­sam mit ihren Professoren ausgehandelt, welche Veranstaltungen und Prüfungen der Gast-Uni anerkannt werden. „Das war ziemlich viel Rennerei von Sprechstunde zu Sprechstunde“, erzählt die 20-Jährige, „aber nach etlichen Wochen hatte ich endlich alle Zusagen und Unterschriften zusammen.“ Versprechungen, die sich nach ihrer Rückkehr als hinfällig erwiesen: Trotz der Absprachen weigerten sich die Aachener Dozenten zunächst, die englischen Studienleistungen anzuerkennen. „Letztlich“, sagt Bartsch, „hätte ich dadurch fast ein Studienjahr verloren.“ Erst nach einem weiteren Sprechstundenmarathon gab es grünes Licht. Ihr Fazit: „Von einer Hochschule, die sich zu ihrer Internationalität bekennt, hätte ich mehr erwartet. Und von den Vereinfachungen durch die Bachelor-Master-Einführung (BA-MA) auch.“

Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge, Professor an der Universität Köln, teilt diese Skepsis im Hinblick auf die aktuellen Reformen. Von der BA-MA-Einführung über zunehmende Kooperationen zwischen Unternehmen und Hochschulen bis hin zum verschärften Wettbewerb untereinander tendiere die gesamte Hochschulpolitik in eine fragwürdige Richtung: „Dieser Entwicklung der Hochschule zu einer Art industriellem Massenbetrieb muss man unbedingt begegnen”, sagt Butterwegge. Die soziale Exklusion von Kindern aus sozial benachteiligten Familien hält der Politikwissenschaftler für eines der größten Probleme: „Das Studium wird mehr und mehr zu einem Privileg der Bessergestellten.“

Baustelle: Bologna-Reform

Dabei hatte der Bologna-Prozess neben der internationalen Vergleichbarkeit ursprünglich auch die soziale Dimension im Blick. Doch um die ging es in Deutschland in den vergangenen Jahren kaum, und auch Inhalte standen nicht unbedingt im Vordergrund. BRD – bürokratisch, retardierend, dilettantisch: So nehmen viele Studierende schon seit Jahren die Bologna-Reform wahr. Im vergangenen Jahr war der Leidensdruck an den Hochschulen so groß geworden, dass es gleich zu zwei großen Protestwellen kam, den Bildungsstreiks im Sommer und im November/Dezember (E&W berichtete). Diese Proteste müsse man „sehr ernst“ nehmen, sagt Thorsten May, Generalsekretär des Wissenschaftsrats: „Es ist sicherlich an vielen Standorten so, dass die praktische Umsetzung dieser Studienstrukturreform zu Bedingungen geführt hat, die überprüft und geändert werden müssen.“ Dies betreffe vor allem die Frage der Studiendauer: Etliche Hochschulen hatten den Bachelor auf drei Jahre be­fris­tet, ohne die Inhalte zu überarbeiten oder gar zu entschlacken. May: „Ich glaube, dass wir an dieser Stelle etwas mehr Beweglichkeit brauchen.“ Dass studentischer Protest Erfolg haben kann, zeigte sich etwa an der FU Berlin, wo als Reaktion auf den Bildungsstreik zweimal wöchentlich ein „Runder Tisch“ tagt, an dem Studierende, Lehrende und Verwaltungsangestellte Lösungsvorschläge zur Bologna-Reform diskutieren. Eines der ersten Ergebnisse: Der Akademische Senat der FU setzte die rigiden Bestimmungen zur Anwesenheitspflicht bis auf Weiteres außer Kraft.

Baustelle: Autonomie

Autonome Entscheidung der Hochschule? Die gewachsene Autonomie der Hochschulen ist in vielen Bundesländern an so genannte Hochschulräte gekoppelt, in denen externe Mitglieder – darunter auch Wirtschaftsvertreter – gewissermaßen als Aufsichtsrat der jeweiligen Uni-Leitung fungieren. Ernannt wird der Rat vom jeweiligen Ministerium – eine Steilvorlage für Kritiker: So hatte es etwa in Hessen wiederholt heftige Proteste gegen Hochschulräte gegeben, die sich hinter die Pro-Gebühren-Politik des früheren CDU-Wissenschaftsministers Udo Corts gestellt hatten. „Wenn ein Minister die von seinen Gnaden Ernannten und Abhängigen zur Selbstlegitimierung vorschickt, ist das ein Armutszeugnis“, sagt die frühere Marburger AStA-Vorsitzende Lena Behrendes.

In Münster hatten GEW und DGB zur Einführung des Hochschulrats eine gemeinsame Protestresolution verfasst, um vor der Gefahr zu warnen, „dass hier externe Interessen künftig das Wohl und Wehe der Universität dominieren werden”. Es gehe nicht mehr um demokratische Aushandlungsprozesse der Gruppenuniversität, sondern nur noch um die Entscheidungen einiger Weniger mit allenfalls fragwürdiger demokratischer Legitimation. Ähnliche Kritik gab es bundesweit auch an etlichen anderen Hochschulräten.

Baustelle: Exzellenzinitiative

Unter kritischer Beobachtung der GEW steht auch die Fortsetzung der Exzellenz­initiative. Bis zum September dieses Jahres können die Universitäten ihre Anträge zur zweiten Runde des 2,7 Milliarden Euro schweren Elite-Wettbewerbs einreichen – doch es bleiben Fragen. „Welche strukturellen Folgen hat der Wettbewerb bis 2017 für die Hochschullandschaft? Wie entwickelt sich das Verhältnis von Forschung und Lehre? Wie wirkt sich die Exzellenzinitiative auf die ohnehin schon unsicheren Beschäftigungsverhältnisse aus?“, umreißt GEW-Hochschulexperte Andreas Keller die ungeklärten Problemfelder. Die Lehre spielt auch bei der nächsten Wettbewerbsrunde wieder nur eine Nebenrolle. Zwar hatte der Stifterverband für die Wissenschaft im vergangenen Jahr zusammen mit den Ländern seinen „Wettbewerb Exzellenz in der Lehre“ ausgelobt, doch die zehn Millionen Euro Preisgeld zeigen überdeutlich, wie wenig den Wissenschaftsministern guter Hochschul-Unterricht wirklich wert ist. Dabei hatte der Wissenschaftsrat schon im Sommer 2008 festgestellt, dass die Hochschulen dringend mehr als eine Milliarde Euro jährlich für eine bessere Lehre benötigen – der Aufruf blieb ohne spürbare Folgen.

Baustelle: Nachwuchs

Ärgerlich ist aus Sicht vieler Betroffener auch der Umgang mit dem Forschernachwuchs. „Wer von Exzellenz in Forschung und Lehre redet, darf zur Prekarisierung wissenschaftlicher Arbeit nicht schweigen“, sagt Keller. Das betrifft gestandene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln müssen, genauso wie Doktoranden und andere Nachwuchskräfte. Oft gibt es für die Betroffenen nur halbe oder Viertel-Stellen, für die dennoch hundertprozentiger Einsatz erwartet wird. „Die Weiterqualifikation – der eigentliche Grund für die Mehrarbeit – wird zur in der Freizeit zu erledigenden Privatangelegenheit“, kommentiert Keller. Hier zeigt der Blick über die Grenzen, dass Deutschland weit mehr tun muss: Der „Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“ (BuWiN) stellt fest, dass das hiesige Karrieresystem „im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich und den USA für Promovierte die geringste Chance bietet, auf eine selbstständige und unbefristete Hochschullehrerstelle zu gelangen.“ Nur eine von fünf Wissenschaftlerstellen in Deutschland ist unbefristet, in Frankreich sind es drei Viertel. Angesichts dieser desolaten Aussichten fordert die GEW ein Sonderprogramm mit 10 000 Nachwuchsstellen inklusive der Perspektive auf eine unbefristete Anstellung – ein Kraftakt, der auch die Betreuung der Bachelor- und Master-Studierenden massiv verbessern würde.

Baustelle: Finanzierung

Leise Hoffnung gibt es aus gewerkschaftlicher Sicht immerhin beim Thema Studiengebühren. Nachdem die Jamaika-Koalition im Saarland die Abschaffung der Campus-Maut beschlossen hat, ist die Zahl der Gebühren-Bundesländer auf fünf geschrumpft – da­runter mit Nordrhein-Westfalen (NRW) allerdings das Bundesland, in dem rund ein Viertel aller Studierenden in Deutschland eingeschrieben ist. Und der NRW-Wissenschaftsminister An­dreas Pinkwart (FDP) rückt von seiner Pro-Gebühren-Position auch nicht ab – sondern schlägt statt dessen vor, sein Stipendienmodell auf die gesamte Bundesrepublik auszudehnen. Es verspricht 300 Euro pro Monat – allerdings zunächst nur für 1200 Studierende: macht ganze zwei Prozent des NRW-Akademikernachwuchses. Pinkwart lobt das Projekt als soziale Abfederung seiner Gebührenpolitik, doch GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne bleibt skeptisch. Eine soziale Öffnung der Hochschulen, sagt Thöne, setze die Abschaffung aller Gebühren und eine grundlegende Reform der Studienfinanzierung voraus: „Statt Studierende zur Kasse zu bitten, sollte das BAföG perspektivisch zu einem elternunabhängigen Studienhonorar weiterentwickelt werden. Das wäre zu finanzieren, wenn im Gegenzug ausbildungsbedingte Steuerfreibeträge und Kindergeld in die Ausbildungsförderung integriert und direkt an die Studierenden ausgezahlt werden.“ Eine Forderung, der sich Pinkwart mittlerweile sogar anschließt – auch wenn eine entsprechende bundesweite Regelung „rechtlich kompliziert“ sei. Bis es soweit sei, sagt der Minister, sollen weiterhin erst einmal die Eltern ihre Kinder bei der Studienfinanzierung unterstützen.

Auch die Aachener Studentin Simone Bartsch ist auf Zahlungen ihrer Eltern angewiesen. Dass sie konkrete Verbesserungen noch während ihres Studiums erlebt – diese Hoffnung hat sie längst aufgegeben: „Ich will nur noch so schnell wie möglich fertig werden. So stressig wie im Studium war es in meinem Leben noch nie.“

Armin Himmelrath,
freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist
Zuletzt ist sein „Handbuch für Unihasser“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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