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05.07.2010

Dritter Bildungsbericht: Soziale Kluft in Deutschland bleibt Hauptproblem

Zum dritten Mal ist nach 2006 und 2008 mit dem gemeinsam von Bund und Ländern in Auftrag gegebenen Bericht „Bildung in Deutschland 2010“ eine empirische Bestandsaufnahme des Bildungswesens erschienen. Das Papier einer Autorengruppe unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) reicht von der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung bis zu den verschiedenen Formen der Weiterbildung im Erwachsenenalter. Es schließt auch jene Prozesse ein, die sich mit non-formaler Bildung und informellem Lernen beschreiben lassen.

Begrüßenswert ist, dass die Autorengruppe unter Leitung von Prof. Horst Weishaupt Kritik und Anregungen gefolgt sind und z. B. den Indikator Sonderpädagogische Förderung aufgenommen haben. Auch sind die Ausführungen zum pädagogischen Personal in allgemeinen Schulen um Informationen zum Migrationshintergrund der Lehrkräfte und zur Fortbildung ergänzt worden. Die Forderung der GEW, endlich den Blick auch auf die Angelegenheiten des Pädagogischen Personals zu richten, hat Gehör gefunden.

Bildungsausgaben zu niedrig

Wenig Positives ist jedoch über die Entwicklung des Bildungssystems selbst zu berichten. Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprochene „Bildungsrepublik“ lässt auf sich warten. Die Skandale und Probleme sind geblieben. Das Bildungswesen ist nach wie vor unterfinanziert. Deutschland liegt mit seinen Bildungsausgaben weiterhin unterhalb des OECD-Mittels. Die soziale Kluft zwischen Erfolgreichen und Bildungsverlierern ist nicht kleiner geworden. Bei der Weiterbildung sind die Tendenzen deutlich negativ und erschreckend viele junge Menschen – ganz überwiegend solche mit ausländischen Wurzeln – bleiben ohne Ausbildung.

Der ganz normale föderale Wahnsinn hat neue Blüten getrieben. In 14 Bundesländern werden bei vier- bis sechsjährigen Kindern 17 Verfahren zur Sprachstandsmessung eingesetzt. Nicht zwei Bundesländer sind miteinander zu vergleichen. Nur wenige verbinden Messen auch mit Fördern und einer Wirksamkeitskontrolle der eingesetzten Verfahren.

Wenn es leichte Verbesserungen gibt, enthüllen diese beim näheren Hinsehen doch wieder neue Probleme oder statis­tische Hilfskonstruktionen. So sinkt die Quote von Jugendlichen ohne mindes­tens einen Hauptschulabschluss zwar leicht von 8,5 Prozent in 2004 auf 7,5 Prozent in 2008, doch dies ist allein auf einen Rückgang in den westlichen Bundesländern zurückzuführen. In allen östlichen Ländern stieg sie von 9,9 Prozent in 2006 auf 12,5 Prozent in 2008.

Statistischer Einfallsreichtum

Als Ergebnis statistischen Einfallsreichtums erweist sich der deutliche Anstieg bei den Studienanfängern. Er geht auf eine höhere Studierneigung zurück, sondern ist demografisch und durch doppelte Abiturjahrgänge bedingt. Inzwischen erreicht die Studienanfängerquote die in der EU vereinbarte 40 Prozent-Marke – aber nur deshalb, weil auch ausländische Studierende einbezogen werden.

Ein zentrales Kapitel des Bildungsberichts beschäftigt sich auf Grundlage einer Projektion in das Jahr 2025 mit den Auswirkungen der demografischen Entwicklung für das Bildungswesen. Dieses wird unter starkem „Veränderungsdruck“ gesehen, der von der Globalisierung und zunehmender „Wissensbasierung der Ökonomie“ ausgeht. Prognostiziert wird eine Vielzahl von „Zusatzbedarfen“ in allen Bildungsphasen und -bereichen, die sowohl die Grenzen von Zuständigkeiten als auch die traditionellen institutionellen Strukturen in Frage stellen. Besondere Herausforderungen sind demnach die zunehmenden Segregationstendenzen in den Ballungszentren und die Bildungsversorgung ländlicher Räume.

Keine Illusionen machen

Gemessen an seiner an sich sehr zurückhaltenden Bewertungs- und Empfehlungskultur wird der Bildungsbericht in einer Frage sehr deutlich. Er warnt davor zu glauben, dass die notwendigen Zusatzbedarfe allein durch Umschichtungen der so genannten Demografiegewinne als Folge sinkender Schülerzahlen zu finanzieren seien. Allein um die Vorhaben der 2001 als Reaktion auf PISA beschlossenen sieben Handlungsfelder der Kultusministerkonferenz (KMK) zu realisieren, würden diese Mittel nicht ausreichen. An der Priorität für Bildung und am Ziel, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung auszugeben, soll deshalb auf jeden Fall auch in der gegenwärtig schwierigen ökonomischen Situation festgehalten werden.

Marianne Demmer, Leiterin des
GEW-Organisationsbereichs Schule

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