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/ Jahrgang 2010
/ 03/2010
Generationenwechsel: DilkWas kann die GEW tun, um Jüngere an sich zu binden? Als Mitglieder, als Aktive in der Organisation?
Michael Hirn hat sich mit der Frage „Wie engagiere ich mich in der GEW?“ im Laufe seiner GEW-Arbeit oft beschäftigt. Er gehört zu jenen, die schon mit Anfang 20 zur GEW stießen. Mitgestalten, Verantwortung übernehmen, das Gefühl genießen, etwas bewirkt zu haben – all das hat ihn schon im Studium an der Pädagogischen Hochschule motiviert, bei der Bildungsgewerkschaft mit anzupacken. Ihn beeindruckte die „Kompetenz, Ausstrahlung und inhaltliche Power“ der GEW-Vertreter, die sich – im Gegensatz zu vielen anderen Verbandsleuten – der Diskussion stellten, wenn der AStA aufs Podium lud. Hirn wurde studentischer Vertreter der AG Hochschulen der GEW Baden-Württemberg, stieg schnell in die Landesgremien auf. Mit 32 Jahren war er stellvertretender Landesvorsitzender gemeinsam mit einer Kollegin. Acht Jahre kniete er sich in dieses Amt, ehrenamtlich.
Wenn man ihn fragt, was ihn als Youngster so lange in exponierter Funktion gehalten hat, weiß er seine Motivation klar zu benennen: Er hatte große Spielräume, konnte sich flexibel und mit begrenztem Zeitaufwand einklinken und trotzdem eine Leitungsfunktion übernehmen. „Ohne diese Flexibilität und Freiheit hätte ich mich nicht engagiert“, sagt Hirn. „Solche Freiheiten sind enorm wichtig, wenn die GEW junge Menschen gewinnen will, die meist Familie, Berufseinstieg und Gewerkschaftsarbeit miteinander verbinden müssen.“
Um so wichtiger sei es, noch mehr klar umrissene Aufgaben oder Projekte anzubieten, an denen sich Aktive mit knappem Zeitbudget leichter beteiligen können und die ihrem konkreten Anliegen gerecht werden. Und sei es nur ein Engagement für einen Nachmittag pro Woche, auch das ist möglich und sinnvoll. „Die Erwartungen gerade an Jüngere sind außerordentlich hoch. Sobald sie aktiv werden wollen, wird von ihnen oft viel mehr verlangt, als sie in ihrer Lebenssituation leisten können und wollen. Das schreckt viele ab“, sagt Hirn. „Junge Aktive brauchen zudem das Gefühl, erwünscht zu sein und gefördert zu werden, statt sich erst einmal mühsam in die Verästelungen der Organisation einarbeiten zu müssen.“
Nicht hineinstolpern
Neulinge sollten sich gründlich fragen: Wie viel Zeit kann und will ich investieren? Wie kann ich Familie, Beruf und Gewerkschaftsarbeit unter einen Hut bringen? Wie oft bin ich etwa bereit, am Wochenende auf Sitzungen zu fahren? Will ich auf Dauer ehrenamtlich mitarbeiten, als freigestellter Personalrat oder als Hauptamtlicher? Wie wichtig ist mir mein Beruf, welche Ziele will ich langfristig erreichen und wie viel Gewerkschaftsarbeit ist nebenher realistisch? Und vor allem: nicht in die Entscheidung hineinstolpern, denn, so Hirn: „Die Gewerkschaftsarbeit kann einen mit Haut und Haaren hineinziehen.“ Also besser nicht mit zu hohen Erwartungen in eine Funktion gehen. Und: „Wer Verantwortung übernehmen will, muss auch mit Sitzungen rechnen, die nicht immer nur Spaß machen oder mit befriedigenden Ergebnissen enden. Das gehört dazu.“
Michael Hirn hat sich gegen eine Personalratskarriere und für die Schule entschieden. Weil er erkannte, dass er auf den Lehrerberuf nicht verzichten und sich viele berufliche Optionen offenhalten wollte. „Und beides war für mich nicht zu hundert Prozent möglich.“ Dabei bleibt der heute 41-jährige Schulleiter einer Sonderschule in Stuttgart trotzdem: als Redakteur der GEW-Landeszeitung „bildung und wissenschaft“.
Anja Dilk,
freie Journalistin
Die GEW ist eine Frau im Sprung nach oben: Es lässt sich nicht leugnen, die Bildungsgewerkschaft ist weiblich (70 Prozent ihrer Mitglieder sind Frauen). Sie ist beinahe die einzige DGB-Gewerkschaft, die 2009 unterm Strich einen Zuwachs verbuchen kann (6219 Mitglieder). Die größten Landesverbände sind Baden-Württemberg (zirka 46 000 Mitglieder) und Nordrhein-Westfalen (knapp 45 000 Mitglieder).
Weniger als ein Drittel (26,7 Prozent) der Mitglieder stammt aus den neuen Bundesländern. Arbeitsplatzabbau und viele Teilzeitarbeitsverhältnisse haben der GEW im Osten in den vergangenen Jahren Einbrüche beschert.
Stark vertreten bei den Beschäftigten sind mit knapp 60 Prozent die Beamten (Angestellte: knapp 40 Prozent). In den vergangenen drei Jahren ist der Angestelltenanteil konstant geblieben. Teilzeitbeschäftigte bilden ebenfalls eine sehr große Mitgliedergruppe (knapp 94 000). Das Gros sind hier wiederum die Frauen (knapp 80 000). Salopp und pauschal gesagt: Die GEW ist eine Wessi-Beamtin, häufig Lehrerin, nicht selten in Teilzeit und nicht mehr ganz die Jüngste – charmanter – in den besten Jahren: Die Alterskohorte der 46- bis 65-Jährigen stellt mehr als die Hälfte der Mitglieder. Die Jungen machen rund 15,4 Prozent aus – Tendenz steigend. Aus dem Schulbereich kommen die meisten Mitglieder (65 Prozent). Die Erzieherinnen holen auf: Im Jugendhilfebereich sind inzwischen zwölf Prozent der Mitglieder organisiert – ein Erfolg auch der letzten Tarifrunde. Berufliche Bildung/Weiterbildung zählt ein Zehntel der Mitglieder. Schlusslicht ist die Hochschule mit knapp sechs Prozent Mitgliederanteil. Senioren stellen etwa 13 Prozent der Mitglieder, der Organisationsgrad bei den Studierenden und Arbeitslosen ist gering: 3,4 bzw. drei Prozent. Vor der GEW liegt eine große Aufgabe: Sie muss sich verjüngen und für die Gruppe der Jungen noch attraktiver werden. Übrigens: Wenn sie einmal drinnen sind, sind GEW-Mitglieder ziemlich treu: Knapp 40 Prozent sind mehr als 20 Jahre dabei. Das ist doch was.
(hari)