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1GOAL in Istanbul‚Ja, wir haben das Sozialforum gefunden’ beruhigt Manfred beim Frühstück den erst am späten Abend angereisten Andreas. Auch wenn in dem Gebäude der School for Foreign Languages der Technischen Universität am Vortag weder der Hausmeister noch die Vizerektorin etwas von der Ehre wussten, dass Istanbul als Stadt und ihr Gebäude als Veranstaltungsort für das ESF auserwählt wurden. Ilke meint später treffend:’wer dieses Chaos aushält, zeichnet sich schon durch ein hohes Maß interkultureller Kompetenz aus. Für mich ist es aber doch beruhigend, dass sich hinter Y009 ein realer Raum befindet, denn ich soll ja dort die erste Veranstaltung bestreiten. Auf dem Weg zu unserem ersten Arbeitstag unterscheidet sich die GEW-Kerngruppe nur durch ihr sperriges Gepäck von den Pendlern auf der Fähre von Kadiköy nach Karaköy. Ich darf mich aber in der Morgenbrise des Marmarameers nicht der Silhouette der Blauen Moschee oder der Haga Sofia, die im Weichzeichner des Morgenlichts vor mir liegen, hingeben, denn Manfred sitzt schon mit aufgeklapptem Laptop neben mir und erinnert mich daran, dass ich hier nicht als Touristin bin. Die Sonne zeigt sich jedoch mit mir solidarisch und überblendet das Bild einfach. Aber Manfred lässt sich nicht beeindrucken und versucht unermüdlich einen Schattenwinkel zu finden, um die aktualisierte Power Point Präsentation für unser erste Veranstaltung lesbar zu machen. Doch die Überfahrt dauert nicht lange und wir steigen mit unserer Übersetzeranlage im Alukoffer und dem 1 GOAL-Banner, das Steffi von der Globalen Bildungskampagne extra für uns vom Fußballfeld auf dem Dach des Hauses der Kulturen der Welt („schwangere Auster“) in Berlin abgemacht hat, in eine der zigtausend gelben Taxen. Das ist die erste Mutprobe des Tages. Gefühltes Tempo 180: gleich hängen wir auf der Stoßstange des Taxis vor uns, Slalomfahren und Verfolgungsrennen, Vollbremsung. Das alles auch noch ohne Sicherheitsgurt und ich hab kein Testament gemacht.
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Links: Straßenszene in Kadiköy
Mitte: Vorbereitung der Power Point Präsentation für die erste GEW Veranstaltung
Rechts: Die gelben Taxen prägen das Stadtbild von Istanbul
Direkt am Eingang der School of Foreign Languages werden wir abgesetzt. Wir nehmen uns nicht die Zeit uns als Teilnehmer am ESF registrieren zu lassen. Auf geht’s, an dem Aufsichtspersonal vorbei, das Manfred schon als alten Freund begrüßt. Wie gut, dass er mit Philip das Gelände am Vortag schon erkundet hat. Y009 hat den Charme eines Seminarraums der Anglisten in Hamburg Ende der sechziger Jahre. Abgewetzte Stühle mit Schreibplatte stehen durcheinander in dem schmucklosen Raum. Beeindruckend, wir arbeiten wie ein alteingespieltes Team. Günther entdeckt mit polytechnischem Kennerblick die Garderobehaken, an denen wir unser zwei Meter langes LKW-Planen-Banner‚ 1GOAL "Bildung für alle" auf hängen. Christine, Tülin und Günther kleben im Gebäude Hinweisplakate für die Veranstaltung. Sabine und Manfred organisiere den Beamer, Andreas und Manfred verhandeln mit den vier Dolmetscherinnen und Svenja hilft mir geduldig am Laptop bei den letzten Veränderungen der Power Point Präsentation. Um 9.30 Uhr soll laut. Programm des ‚Avrupa Sosyal Forumu’ das Thema 10, Seminar no. 219, der workshop ‚1GOAL-Education for All and the millennium development goals’ der Organisation Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Germany beginnen. Bis kurz vor 10 Uhr sind die PflichtteilnehmerInnen der GEW mit den Dolmetscherinnen allein. Welche Erleichterung, dass doch noch eine polnische und eine schwedische Studentin und ein knappes Dutzend internationaler KollegInnen, u.a. David Poisseneau von der ETUCE den Weg zu uns finden. Da alle TeilnehmerInnen Englisch verstehen, sind die Dolmetscherinnen arbeitslos. Die Inhalte der Globalen Bildungskampagne (GBK) finden großes Interesse und lösen eine rege Diskussion zur Bildungssituation (besonders in Europa) aus. Dies zeigt uns wie wichtig solche Veranstaltungen sind. Wir erfahren von den Romakindern inMazedonien, für die es keine Schulen gibt. Einige der Diskussionspunkte werden wir auch in die Diskussionen der Globalen Bildungskampagne einbringen. So sollte die GBK stärker mit der Studentenbewegung zusammenarbeiten und sich nicht nur auf die Primarbildung beschränken. Der Gedanke von David Poisseneau, das Bildungswesen supranational zu organisieren und der EU und der UNESCO mehr Kompetenz zuzuschreiben, wird u.a. als Verlust der nationalen Identität und wegen der Gefahr der Dominierung durch die großen Länder abgelehnt.
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Links: Registrierung für das Sozialforum
Mitte: 1GOAL-Veranstaltung der GEW
Rechts: Andreas Keller und Ilke Glockentöger vor dem Gebäude der Technischen Universität Istanbul
Ich bin zufrieden mit unserer Veranstaltung, auch wenn ich mir natürlich eine höhere Beteiligung gewünscht hätte. Besonders interessant war das Gespräch mit der Dolmetscherin Dara Colakoglu. Dora arbeitet auch als Journalistin, hat in Wien studiert und spricht fließend Deutsch und Englisch. Im August 2008 schreibt sie in einem Artikel der Tageszeitung VATAN einen Nachruf auf einen in der Haft an Krebs verstorbenen Gefangenen, für dessen Begnadigung sich viele Menschen eingesetzt hatten. In diesem Jahr am 30. Juli um 9.30 Zhr wird Dara nun in einem Prozess wegen Präsidentenbeleidigung angeklagt. Ihr drohen bis zu vier Jahre Haft. Ihr Telefon wird abgehört. Wenn sie sich mit Freunden trifft, werden als erstes die Handys in den Kühlschrank gelegt, damit sie nicht geortet werden können. Was die Regierung nicht stoppen kann, sind blogs und Internetinformationen, die millionenfach angeklickt werden. Besonders eindringlich erzählt sie von der Gefahr der islamistischen Gemeinschaft Fethullah Gülen, die von dem in Pennsylvania lebenden Gülen gelenkt wird. Die Spezialeinheit des Präsidenten rekrutiert sich aus diesen Reihen. Für Eingeweihte sind diese auch durch einen Silberring, den sie an der rechten Hand tragen, zu erkennen. Diese sektiererische Gemeinschaft wirbt in der Türkei und im Ausland sehr aggressiv für ihre Schulen und Internate. Sie gilt als großes Hindernis im Demokratisierungsprozess der Türkei, wie uns auch die Pressesprecherin von Egitim Sem, Serpil Acil Özer, am Abend erzählt.
Es sind diese nicht-offiziellen Kontakte - Florian von der französischen Bildungsgewerkschaft SNES nennt sie ‚Flurgespräche’ - die das ESF so wertvoll machen. Am Nachmittag findet ein Treffen der GEW Delegation in unserem Hotel statt. Es ist spannend, von den Aktivitäten und dem Engagement unser Delegationsmitglieder in- und außerhalb der GEW zu erfahren. Diese Vielfalt sollten wir als Gewerkschaft viel deutlicher nach draußen tragen. Die Bandbreite reicht von Annes Praktikum in einem Projekt mit Romakindern in Izmir über Sabines langjähriges Engagement im kurdischen Diyarbakir bis zu den immer stärker werdenden internationalen Netzwerken im Hochschulbereich.
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Links: Ankunft der Fähre in Karaköy
Mitte: Beleidigung des Türkentums gilt als Straftat in der Türkei
Unten: Der Galataturm ist eines der Wahrzeichen von Istanbul
Beim abendlichen Empfang für Bildungsgewerkschaften durch unsere türkische Partnergewerkschaft Egitim Sem bestätigt die GEW Delegation ihren Ruf. Wir sind die ersten Gäste, die im Lehrerheim in Istanbul die weiße Marmorstufen hinab zur großen überdachten Terrasse schreiten. So haben wir aber das Privileg alle ankommenden KollegInnen aus der Türkei, Frankreich, Italien, Spanien und Griechenland zu empfangen. Ich freue mich, einige alte Bekannte, wie Gabriela von der CGIL aus Italien oder Deniz von Egitim Sem wieder zu treffen. Die türkischen KollegInnen bemühen sich sehr, die Nationalitäten an den Tischen zu mischen. Um die Kommunikation zu erleichtern hat sich z.B. die Pressesprecherin von Egitim Sem ihre perfekt Englisch sprechende Nichte als Dolmetscherin mitgebracht. Serpil ist sehr an der Arbeit der GEW interessiert, vor allem an der Öffentlichkeitsarbeit, aber auch an den Schwerpunkten der politischen Arbeit. Wenn die Pflichtprogramme der nächsten Tage so ertragreich sind wie dieser erste Arbeitstag, werde ich sehr bereichert nach Hamburg zurückkehren. Na ja, und dann ist noch das Touriprogramm zwischen den offiziellen Terminen. Aus der sengender Hitze unter freiem Himmel tauche ich am Nachmittag mit Sabine in die atemberaubende Farbenpracht des Kapali Carsi ein. Wir lassen uns einfach durch diesen Irrgarten von Keramik, Juwelen, Teppichen und orientalischen Accessoires treiben. Die Zeit ist aber einfach zu kurz. Wir schaffen es gerade noch, barfuß, unsere nackten Arme mit blauem Polyesterstoff umhüllt, die Blaue Moschee zu bestaunen, denn wir müssen ja pünktlich um 17 Uhr zurück im Hotel DILA beim Delegationstreffen der GEW sein.
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Links: Abendlicher Empfang der türkischen Bildungsgewerkschaft Egitim Sen
Mitte: GewerkschafterInnen aus Spanien, der Türkei und Deutschland im Gespräch
Rechts: Barbara Geier ist Gesamtschullehrerin und Mitglied im Hamburger GEW-Vorstand
Text: Barbara Geier
Fotos: Manfred Brinkmann